Der Taufschein des Grünlichen Breitkölbchens liegt in St. Gallen
Im Naturmuseum St. Gallen hat ein Digitalisierungsprojekt einen besonderen Fund zu Tage gefördert: einen Herbarbogen, mit dem eine Orchidee zum ersten Mal wissenschaftlich beschrieben wurde.
Im Rahmen des Schweizer Netzwerks Naturhistorische Sammlungen (SwissCollNet) der SCNAT hat das Naturmuseum St. Gallen seine botanischen Sammlungen aufgearbeitet. Der Fokus lag auf dem St.Galler-Appenzeller Herbar. Rund 40'000 Belege haben die Fachleute fotografiert und digital erfasst. Dazu gehörte neben Funddatum und Sammler auch die georeferenzierte Bestimmung der Fundorte.
Keine gewöhnliche Hyazinthe
Dabei kam ein kostbarer Fund zum Vorschein: ein Beleg des Grünlichen Breitkölbchens. Diese Orchidee besitzt zwei bis drei grosse ovale Blätter und eine Blütendolde mit oft über 20 weisslich-hellgrünen oder gelben Blüten. Aus der Ferne sieht sie aus wie eine Hyazinthe – vielleicht heisst sie darum auch noch Grünliche Waldhyazinthe. Die Art ist weit verbreitet und kommt von Europa über Russland bis nach China und Japan vor.
Was den Herbarbogen für die Wissenschaft besonders macht, ist, dass es sich um ein sogenanntes Typusexemplar handelt. So bezeichnen Botanikerinnen und Botaniker Referenzpflanzen, anhand derer eine Art zum ersten Mal wissenschaftlich beschrieben wurde. Gesammelt hatte die Orchidee seinerzeit Jakob Gottlieb Custer (1789–1850). Der Bezirksarzt aus Rheineck, der in jüngeren Jahren in Napoleons Diensten stand und an dessen Russland-Feldzug teilnahm, war ein leidenschaftlicher Botaniker.
1827 wissenschaftlich beschrieben
Custer beschrieb die Orchidee 1827 wissenschaftlich und taufte sie auf den Namen Orchis chlorantha (Grünliche Orchidee). Die Bezeichnung blieb allerdings nur kurz gültig. Schon ein Jahr später ordnete der deutsche Botaniker Heinrich Gottlieb Ludwig Reichenbach die Orchidee der Gattung Platanthera zu. Custers Name bleibt in der heute gültigen lateinischen Bezeichnung aber immer noch sichtbar: Platanthera chlorantha (Custer) Rchb.
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SwissCollNet
Das Schweizer Netzwerk Naturhistorische Sammlungen (SwissCollNet) setzt sich für eine bessere Erschliessung der naturhistorischen Sammlungen in der Schweiz ein. Unterstützt vom Bund schafft es zusammen mit Museen, Hochschulen und Botanischen Gärten die Grundlagen für die Digitalisierung und langfristige Verwaltung und Nutzung der Sammlungen.
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Dr. Alfred Brülisauer
Naturmuseum St. Gallen
Rorschacher Strasse 263
9016 Saint-Gall


