Auf der Suche nach Giganten: Santiago Roths fossiles Vermächtnis
Nachdem Santiago Roth Mitte des 19. Jahrhunderts die Schweizer Alpen verlassen hatte, um in die Pampas Argentiniens zu ziehen, fand er unter der Erde seine wahre Berufung: Er grub Fossilien der prähistorischen Megafauna Südamerikas aus. Seine bemerkenswerten Entdeckungen – wie der mysteriöse Neosclerocalyptus mit seinem „Nasenknochen“ – helfen Wissenschaftlern der Universität Zürich heute dabei, die Evolution dieser alten Säugetiere zu erforschen.

Seine Geschichte ist ebenso seltsam wie die Fossilien, die er gefunden hat. Kaspar Jakob Roth (1850–1924) kam im Alter von 16 Jahren aus Herisau in Appenzell nach Buenos Aires, als seine Familie auswanderte. Sie waren Sattler, ein dringend benötigtes Handwerk im Land der Gauchos. Santiago (sein in Argentinien angenommener Name) sollte das Geschäft weiterführen, aber er hatte andere Pläne: Er war fasziniert von der Naturgeschichte und verbrachte seine Freizeit mit Expeditionen, bei denen er Pflanzen, Schmetterlinge und Fossilien sammelte. Aus Faszination wurde Berufung: Er begann, seine spektakulären Funde zu verkaufen, wandte sich dann der Forschung zu und wurde trotz fehlender formaler Qualifikationen Professor. Einige von Santiagos Fossilien gelangten in Museen in Europa, darunter das heutige Naturhistorische Museum der Universität Zürich, das in seiner Dauerausstellung das gigantische Megatherium und Glyptodon zeigt.
Die knöcherne Nase eines Riesen
Glyptodonten sind eine ausgestorbene Gruppe von Gürteltieren, von denen einige riesig waren (sie erreichten eine Länge von etwa vier Metern und ein Gewicht von zwei Tonnen). Von Kopf bis Schwanz war ihr Körper mit Hautknochenplatten bedeckt. Selbst unter diesen aussergewöhnlichen Tieren gab es eines, das alle Erwartungen übertraf: Neosclerocalyptus, ein Tier, das eine charakteristische knöcherne Auswölbung vor der Nase entwickelt hatte. Dieser „neue Knochen”, der wahrscheinlich aus dem Nasenknorpel stammt, ist ein in der Welt der Säugetiere völlig unbekanntes Phänomen. Er kommt bei vielen Tieren dieser Gattung vor (es handelt sich also nicht um eine in der Zeit erstarrte Krankheit), und einige Unterschiede in der Form dieses „Nasenknochens” werden zur Unterscheidung zwischen den fünf anerkannten Arten herangezogen. Die einzige Art, die bisher eingehend untersucht wurde, ist Neosclerocalyptus paskoensis, die geologisch gesehen die jüngste ist.
Dank der Unterstützung von SwissCollNet konnte das Paläontologische Institut der Universität Zürich nun eine grosse Anzahl von Exemplaren aus der Roth-Sammlung in 3D scannen (hier verfügbar). Diese Erkenntnisse werden den Forschenden helfen, die Evolution und die möglichen Funktionen des „Nasenknochens” bei diesen faszinierenden Tieren zu verstehen. Eine Studie zu diesem Thema wurde kürzlich im Journal of Vertebrate Paleontology veröffentlicht (hier verfügbar).
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SwissCollNet
Das Schweizer Netzwerk Naturhistorische Sammlungen (SwissCollNet) setzt sich für eine bessere Erschliessung der naturhistorischen Sammlungen in der Schweiz ein. Unterstützt vom Bund schafft es zusammen mit Museen, Hochschulen und Botanischen Gärten die Grundlagen für die Digitalisierung und langfristige Verwaltung und Nutzung der Sammlungen.
Kontakt
Dr. Gabriel Aguirre
UZH
Paläontologisches Institut der Universität Zürich
Karl Schmid-Strasse 4
8006 Zürich




